01 Juli

Von der Nordsee zur Zugspitze

geschrieben von 
Herr Udo Werner aus Friesoythe auf der Bundesstraße Borken - Fritzlar Herr Udo Werner aus Friesoythe auf der Bundesstraße Borken - Fritzlar Martina Sachs

Eine Reise zurück in die Jugend

Auf meinem Weg mit dem Auto durch Nordhessen habe ich heute einen schwer bepackten Wanderer überholt. Ich fuhr etwas langsamer an ihm vorbei. Die Straße war stark befahren. Er lief in Fahrtrichtung, so dass er den Verkehr von hinten nicht sehen konnte bzw. nicht sehen wollte, wie sich später heraus stellte. Gut ausgerüstet, lief er mit einem großen Stock und einem schwer aussehenden Rucksack bei ca. 29 Grad die Bundesstraße entlang. Im Rückspiegel habe ich diesen Mann als etwas älter, sehr rüstig, kräftig, seriös + sympathisch eingestuft. Schnell habe ich also überlegt wo ich auf dieser schmalen Bundesstraße anhalten konnte, um ihn zu fragen, ob ich ihn mitnehmen kann. So eine Wanderung bei der Hitze, in dem Alter und auf der Bundesstraße entlang, stellte ich mir sehr anstrengend vor. Ich fand eine Einbuchtung und hielt an. Er hat sich bedankt, dass ich gewartet hätte, bis er am Auto war. Mitfahren wollte er aber nicht. Er meinte ganz freundlich: "Es geht schon, ich laufe noch etwas." Danke! Ich fragte ihn, wo er denn noch hin wandern möchte. Er erzählte mir, er sei 66 Jahre, kommt von der Nordsee und will zur Zugspitze wandern, da wäre er schon einmal als Kind gewesen.


Von Friesoythe zur Zugspitze Ich stand sprachlos und voller Respekt an der Bundesstraße und hörte ihm zu. Die vorbei fahrenden Laster und anderen Autos, der Straßenlärm und Staub spielten keine Rolle mehr, so spannend fand ich seine Erzählung. Eine fantastische Geschichte von einem sehr netten und sympathischen Menschen. Er erzählte knapp und kurz von einigen seiner bisherigen Erlebnisse und Gegebenheiten. Ich denke, ich habe nur einen kleinen, winzigen Bruchteil seiner Wanderschaft gehört. Am 17. Juni ist er von Friesoythe an der Nordsee gestartet, läuft täglich ca. 25 km. Er hatte mal einen eigenen Friseurladen, den hätte er verkauft und was soll er denn jetzt auf der Couch rum sitzen, fragte er mich. Er bräuchte nichts Materielles mehr im Leben, hätte alles gehabt und wollte auch nichts mehr. Es käme ihm nicht auf`s Geld an. Er war viel gereist in seinem Leben, hätte viel erlebt und gesehen. Auf Gran Canaria war er auch einige Zeit und noch in anderen Ländern. Nicht dass ich meinte, er wäre jetzt auf dem Jakobsweg ....Nein, Nein.... er ist zur Zugspitze unterwegs, das betonte er noch einmal.  Er war dort als kleiner Junge mit seinem Vater und dort wollte er gerne noch einmal hin. Wie ganz selbstverständlich und als das Normalste auf der Welt erzählte er von dieser Wanderung. Er zog seinen schweren Rucksack vom Rücken und kramte kurz darin und holte dann ein altes schwarz/weiß Foto heraus. Auf dem war er als kleiner Junge auf der Zugspitze zu sehen. "Da will ich wieder hin, meinte er".

Er erzählte dann, dass er bis jetzt 4 Autobahnen hätte überqueren müssen und dass er unterwegs kaum noch eine Pension zum Übernachten findet oder Gaststätten wo man einkehren könnte. Alle wären ja geschlossen, oder werden nicht mehr betrieben. So hätte man es als Wanderer schwierig, eine Unterkunft zu finden. Er hätte aber ein Zelt dabei und so wäre er unabhängig. Viele Autofahrer würden ihm den Vogel zeigen und Grimassen ziehen, wenn sie ihn auf der Straße sehen. Also läuft er lieber zur Fahrtrichtung, so muss er nicht in die schimpfenden Gesichter schauen. Er möchte doch lieber die schöne Gegend genießen, das gibt ihm mehr. Es gibt so schöne Landschaften, erzählte er. Er reichte mir seine Visitenkarte und nannte mir seinen Blog, wo er ab und zu (falls er Internet hat) über seine Reise berichtet. Ich sagte zu ihm, dass sein Rucksack sehr schwer aussieht, ich sollte den Rucksack mal anheben, es war mir nicht möglich, so schwer war er. Als wären Backsteine drin. Unglaublich, dass man(n) mit so einer Last laufen kann und das bei den Temperaturen. Ich fragte ihn, ob ich ein Foto von ihm machen dürfte. Gerne sagte er. Auf meine Frage, ob Medien von ihm wüßten, sagte er, Nein....mein Sohn weiss Bescheid und sonst keiner. Ob er keine Angst hätte, fragte ich ihn, er fragte zurück: "Wovor soll ich Angst haben?"

Im Rückspiegel hatte ich ihn vorher als seriös und sympathisch eingestuft dieses Gefühl hatte sich beim Kennenlernen schnell bestätigt, dass ich dann aber so einen einzigartigen, tollen Menschen kennenlernen durfte, damit hätte ich nicht gerechnet! Wir haben uns noch eine Weile weiter unterhalten, einige vorbeifahrende Autofahrer schauten uns komisch an, was wir wohl dort veranstalten, bis ich dann auch "leider" weiterfahren musste. Er wollte  in meine Richtung, evtl. an den See und dort im Zelt übernachten. Ich fragte ihn, ob ich ihn mitnehmen kann,  aber er vereinte noch einmal ganz freundlich. Viel Glück wünschte ich ihm noch und alles Gute auf seiner tollen, spannenden Reise durchs Leben.......Er zog -ohne Hilfe- seinen schweren Rucksack auf den Rücken und dann wanderte er weiter... Stück um Stück Richtung Zugspitze . Ich schaute noch im Rückspiegel nach ihm und dachte schmunzelnd :....mit 66 Jahren fängt scheinbar wirklich das Leben an !

Am 31.07.2015 nach ca. 772 Kilometern zu Fuß, ist Herr Werner an seinem Ziel angekommen !

Er schreibt in seinem Reisebericht: 

"Blick nach oben, der erste Gedanke, das schaffst du nie. Leichte Stärkung, Rucksack auf und hoch. Die erste Hälfte schwierig, der Rest an Seilen im Klettersteig. Um 11.10 Uhr, es ist geschafft, der Berg bezwungen, meine erste richtige Bergbesteigung. Super Sicht, einen richtig schönen Tag erwischt. Trinke noch einige Radler mit meinen Mitstreitern, es stören nur die tausenden Touristen und der zubetonierte Gipel.

Bedanken möchte ich mich, als erstes bei dem Herrn dort oben, das ich die Reise ohne irgendwelche Schäden überstanden habe. Ich wundere mich selbst, eine Einzige Blase am Fuß, keine Wadenkrämpfe,Muskelkater,Gelenkschmerzen oder sonstiges. Danke auch an Frederike und Jan, das sie so viel Verständnis für diese Tour hatten.

Meinen treuen Begleiter,der Wanderstab, er war auf der ganzen Reise sehr hilfreich. Meine Ausrüstung, die ausgezeichneten Schuhe von “HanWag”, der Hut von “Scippis”, das Zelt von “Robbens”, usw. Sie alle waren Spitze. Danke auch an alle, die Gedanken und Worten meine Reise begleitet haben.

Bis bald Euer Udo."

- Ich werde mir in den nächsten Tagen, Mittenwald,Oberammergau,Kloster Ettal und die Gegend ansehen .......-

Hier geht es zum Blog von Herrn Werner http://udoswelt.tumblr.com/

                

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